Aktuelles aus alten Büchern

Ökumenischer Gesprächsabend über Katechismen

Das scheinbar eher trocken klingende Thema „Katechismus“ hatte es geschafft, zahlreiche Interessierte der Frauenbünde Berchtesgaden und Unterstein, des Familienkreises Ramsau und der Gruppe „Tee-nach-Sieben“ ins evangelische Gemeindehaus zu holen, wo die beiden Referenten des Abends, Pfr. Dr. Thomas Frauenlob und Pfr. Peter Schulz, sowohl die geschichtliche Entwicklung als auch den aktuelle Wert von Katechismen mit großem Wissen und aus eigener Erfahrung überzeugend darlegten.

T7 Oek Gespraech 2018Pfarrer Dr. Frauenlob setzte den geschichtlichen Rückblick beim Judentum und dem Midrasch an, einer Sammlung von biblischen Texten in den jeweiligen Seitenmitten, mit auslegenden Kommentaren dazu im Außenkreis – entstanden aus dem Bedürfnis gläubiger Menschen, den Willen Gottes erkennen und nach seinen Regeln leben zu können. Im Christentum wiederholte sich dann dieser Vorgang, als vom 1. bis etwa zum 5. Jahrhundert immer wieder in Synoden oder Konzilien interne Glaubensstreitigkeiten offiziell geklärt werden mussten. So konnte sich langsam die Lehre der Kirche herausbilden und Ansätze eines Katechismus entstanden, um diese Lehre auch klar beschreiben zu können. Dr. Frauenlob zeigte spannend auf, wie durch die Veränderung der Lebensumstände, der gesellschaftlichen Entwicklungen und der Sprache immer wieder Erneuerungen der Texte nötig waren: So verfasste etwa Petrus Canisius (Kirchenlehrer des 16. Jh.) einen Katechismus für seine Studenten mit Fragen und Antworten zum christlichen Glauben. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil entstand ein deutscher Katechismus und Kardinal Ratzinger schließlich bekam von Papst Johannes Paul II. den Auftrag, einen Weltkatechismus zu verfassen.

Dr. Frauenlob stellte kurz mehrere Ausgaben vor: Den 800 Seiten umfassenden „Katechismus der katholischen Kirche“ mit seinem biblischen Fundament der Glaubenssätze, zu denen zuerst die Kirchenväter befragt und dann die aktuellen Bedeutungen aufgezeigt werden. Den 2005 erschienenen kleineren Katechismus als Kompendium für Erwachsene und die 2006 modern gestaltete Ausgabe „YOUCAT“ für junge Leute. Hier schloss sich Pfarrer Schulz an mit zwei evangelischen Katechismus-Ausgaben, dem über 1000 Seiten starken Buch für Erwachsene, das dem katholischen Katechismus ähnelt, und dem kleinen Katechismus, den Martin Luther ursprünglich für Familien zusammengestellt hatte. Luthers Grundüberzeugung war es, dass Religiosität zuallererst in der Familie entsteht. So fasste er in seinem kleinen Katechismus (den sich in Form einzelner Schriftblätter auch einfache Menschen leisten konnten) die fünf Hauptgedanken des christlichen Glaubens zusammen: Das Vaterunser, die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis, Taufe und Abendmahl. Für Luther war der Katechismus das Handwerkszeug, um mit der Bibel und dem eigenen Glauben umgehen zu können. Über Jahrhunderte hinweg war dieser kleine Katechismus auch ein Verkaufsschlager.

An mehreren Beispielen führte Pfarrer Schulz aus, warum sich so viele Menschen inhaltlich von diesem kleinen Katechismus angesprochen fühlten. Vor allem Luthers Sprachrhythmus aber ermöglichte es dabei den Menschen, die Texte zu verinnerlichen, zu meditieren, um dann Gedanken und Anregungen für den Alltag zu bekommen. Schulz wies aber auch eindrücklich darauf hin, wie ein Handwerkszeug nicht nur helfen, sondern als bigotte Textauslegung Menschen verbiegen und zerstören kann. Beeindruckend und berührend schlossen sich daran die vielen persönlichen Beiträge und Fragen aus der Runde an: So etwa der moralische Bankrott einer ganzen Nation nach den beiden Weltkriegen und das heutige dringende Bedürfnis nach neuem Zugang zu biblischen Texten; Glaube, der nur im Gespräch und in offenen Diskussionen entsteht und nicht durch Überstülpen oder stures Auswendiglernen. Und die innere Auseinandersetzung, welche Texte gerade das eigene Leben berühren und daher aktuell sind.

Ursula Kühlewind

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